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"Die Gesundheit steht über allem"

Gespeichert von PSC News 2 am Sa, 03/28/2020 - 07:29

Auch innerhalb der vier Wände, in denen sich die Squasher des Paderborner SC  fast wie zuhause fühlen, herrscht in diesen Tagen nichts als Stille. Wann auf den 9,75 Meter langen und 6,40 Meter breiten Flächen wieder trainiert oder um Punkte gespielt werden kann, ist völlig offen.  Elmar Neumann hat mit  PSC-Geschäftsführerin Anna Wedegärtner über die Lage beim Deutschen Rekordmeister und Rekordeuropapokalsieger gesprochen.

Frau Wedegärtner, der Ahorn-Sportpark ist  seit dem 14. März und  noch  mindestens bis zum 19. April geschlossen. Wann waren Sie zum letzten Mal an Ihrem Arbeitsplatz und wie haben Sie die Atmosphäre empfunden?
Anna Wedegärtner: Auch ich arbeite eigentlich von zuhause aus, im Home Office,  war aber erst am Mittwoch noch einmal da, um mich mit  Ahorn-Sportpark-Geschäftsführer Ralf Pahlsmeier – natürlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes – über den Stand der Dinge auszutauschen. Die Atmosphäre auf diesem riesigen Areal ist gespenstisch. Da, wo sonst 1500 Menschen am Tag Sport treiben, ihrem Hobby oder ihrem Beruf nachgehen, neben den Squashern unter anderem auch die Leichtathleten des LC Paderborn und die Baseballer der Untouchables trainieren, ist rein gar nichts los. Das ist ein vollkommen ungewohntes Bild. Aber wir alle müssen eben unserer Verantwortung nachkommen, die Kontakte so weit wie möglich einzuschränken. Neben Ralf   habe auch ich mich dort in der Zwischenzeit  nur mit meiner Kollegin Karolin Grommisch getroffen.

Der Spielbetrieb steht  still – was haben Sie im Moment zu tun?
Wedegärtner: Zunächst musste ich erst mal schweren Herzens 14 Mitarbeiter –  von denen der Großteil an der Rezeption arbeitet, die auf der Geschäftsstelle oder unseren  Trainer Hendrik Vössing – in Kurzarbeit beziehungsweise nach Hause schicken. Jetzt geht es darum, die entsprechenden Anträge auszufüllen und um die buchhalterische Abwicklung des Monats März. Wie sich das Ganze dann weiterentwickelt, ist auch für uns in keinster Weise abzusehen. Einnahmen generieren wir noch ausschließlich  über die laufenden Sponsorenverträge. Wir hoffen natürlich, dass unsere Sponsoren und Förderer diese Krise einigermaßen gut überstehen, aber welche wirtschaftlichen Folgen diese  für uns und unsere Partner und Förderer haben wird, vermag niemand  zu sagen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Damen und Herren des PSC die Möglichkeit bekommen, bei der bislang noch für den 15. und 16. Mai in Hamburg angesetzten DM-Endrunde ihre Titel verteidigen zu können?
Wedegärtner: Die Chance ist aus meiner Sicht minimal. Die Verantwortlichen halten sich mit einer Entscheidung noch zurück und wir haben unsere Hotelbuchungen auch  noch nicht storniert, allerdings gibt es eben viel, viel Wichtigeres als Sport,  als  Squash. Die Gesundheit  der Spieler und Zuschauer steht über allem.  Vielleicht kann die Endrunde  in den Herbst verschoben werden, wenn sie denn ausgetragen werden muss, aber da sehe ich dann Probleme, das mit dem internationalen Turnierkalender in Einklang zu bringen, denn auch die PSA (Professional Squash Association, Anm. d. Red.) wird versuchen, einen Großteil der ausgefallenen Veranstaltungen  zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen.

Johannes Wessela, Manager des zum ersten Mal für die DM-Endrunde qualifizierten SC Güdingen, meint: „Die Endrunde komplett abzusagen und keinen Meister zu küren,  ist für uns keine Option.“ Das sehen Sie anders?
Wedegärtner: Das ist zumindest kein Satz, den ich so unterschreiben wollte. Natürlich sind wir alle Sportler, wollen um Titel spielen und Titel verteidigen, doch aktuell und für noch nicht absehbare Zeit ist es ungleich bedeutender, das Virus einzudämmen.

Mit Blick auf die European Club Championships, die im September  ausgetragen werden sollen, haben Sie bereits angedeutet, dass der PSC  auf die Teilnahme verzichten könnte. An dieser Einschätzung wird sich  kaum etwas geändert haben, oder?
Wedegärtner: Ja, das stimmt, wobei uns die European Club Championships sehr wichtig sind und wir prinzipiell auch gerne spielen würden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist zudem nicht abzusehen, ob die European Squash Federation ihn überhaupt austrägt. Wenn nach den bereits qualifizierten Herren auch unsere Damen das Ticket buchen sollten, würde uns die Teilnahme 20.000 Euro kosten. Deshalb wäre ein Verzicht im Notfall denkbar. Im Squash ist der Europapokal selbst für den Titelverteidiger ein absolutes Zuschuss-Geschäft. Da verdienen wir nichts dran und da ist uns dann in diesem Jahr die nationale und regionale Reputation deutlich wichtiger, als es ein weiterer Triumph auf europäischer Ebene wäre. Hinzu kommt, dass die European Club Championships in Riccione, also in Italien, ausgetragen werden sollen und wie es derzeit um die Lage in dem Land bestellt ist, weiß jeder.  Auch da gilt: Die Gesundheit unserer Spieler ist wichtiger als alles andere. Wir werden nicht das geringste Risiko eingehen. Wir hoffen, dass im Herbst überhaupt wieder Squash gespielt werden kann und haben unsere Mannschaft in der vergangenen Woche auch fristgemäß für die kommende Bundesliga-Saison gemeldet. Mit welchem Budget für die Spielzeit werden bestreiten können, ist natürlich eine andere Frage, aber da werden wir erst Gespräche aufnehmen, wenn  die weitere Entwicklung der Corona-Krise einzuschätzen ist.

Dem erfolgreichsten Squash-Club überhaupt droht damit das erste  titellose Jahr seit einer gefühlten Ewigkeit?
Wedegärtner: Das könnte so sein, ja. Das ist eine neue Situation, aber wir haben wohl  keine andere Wahl. Das ist ein Novum, doch über dem sportlichen Erfolg steht die Gesundheit aller Beteiligten und der  Bevölkerung. Wir haben dank unserer vielen Titel sehr viele schöne Momente, an die wir uns in dieser schwierigen Zeit erinnern können und wenn es so ist, dass wir jetzt auf  vieles verzichten müssen, um dann im kommenden Jahr in allen Bereichen des Lebens wieder voll durchstarten zu können, dann bekommen wir das hin.

Quelle: Westfalen-Blatt