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„Eine richtig coole Sache“

Gespeichert von PSC News 2 am Do, 06/18/2020 - 09:27

Was bei den Fußballern das „Tor des Jahres“ ist, nennt sich bei den Squashern „Shot of the Season“. Der Schlag der Saison ist auch in dieser Sportart eine ganz besondere Auszeichnung und entsprechend groß ist die Freude beim Deutschen Meister Raphael Kandra, dass der Award diesmal an ihn geht. Die Wahl der Fans fiel auf einen Knick­shot, mit dem der 29-Jährige im September im Viertelfinale der Netsuite Open in San Francisco gegen den Ägypter Marwan Elshorbagy einen Matchball abgewehrt hatte. Elmar Neumann hat mit dem Profi des Paderborner Squash Club über die Ehrung und die aktuelle Lage gesprochen.

Herr Kandra, herzlichen Glückwunsch zum „PSA Shot of the Season Award“. Sind Sie überrascht, dass die Wahl der Fans auf Ihren Schlag gefallen ist?

Raphael Kandra: Ich bin sogar extrem überrascht. Zunächst hatte eine Bekannte meiner Frau Sina geschrieben, dass es doch toll sei, dass mein Schlag zum Shot of the Season gewählt worden sei. Ich war mir sicher, dass die sich irgendwie vertan haben muss und sich nicht so gut mit Facebook auskennen kann. Ich dachte, dass sie bestimmt die Vorauswahl gesehen und irgendetwas verwechselt hat. Aber dann habe ich selbst nachgesehen und festgestellt, dass das tatsächlich stimmt. Und das ist natürlich eine richtig coole Sache!

Sie haben auch in dieser coronabedingt verkürzten Saison jede Menge Schläge gemacht. Wie gut können Sie sich an diesen einen speziellen Schlag erinnern?

Kandra: Sehr gut sogar. Das war ein sehr ruppiges Spiel. Marwan kann ein ziemlich schwieriger Gegner sein, der einen mit allen Mitteln aus dem Konzept zu bringen versucht. Auch etwas Bescheißen hier und da gehört dazu. Daher wollte ich ihn dieses Spiel auf keinen Fall einfach mit 2:0 Sätzen gewinnen lassen und habe mich auch bei dem Matchball noch einmal nach Kräften gewehrt. Er hat den Ballwechsel zwar dominiert und ich musste mich zwei-, dreimal richtig strecken, aber dann war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich gedacht habe: Jetzt drücke ich ihm diesen Ball rein – egal, wie hoch das Risiko ist. Das war der Punkt zum 10:10. Ich habe den Satz tatsächlich mit 12:10 gewonnen, aber den dritten Durchgang leider mit 11:13 verloren.

Was macht Ihren Schlag so besonders?

Kandra: Das war sicherlich nicht der schönste Schlag der vergangenen Saison. Da gab es bestimmt noch einige bessere, aber ich glaube, dass die Wahl auf meinen Schlag gefallen ist, weil ich ihn in einer absoluten Drucksituation anbringen konnte. Spektakulär zu spielen, wenn das Match gelaufen ist und es um nichts mehr geht, ist nicht so schwierig. Einen Matchball auf diese Weise abzuwehren, ist schon etwas anderes.

Die Corona-Pandemie hat auch das Leben als Squash-Profi kräftig durcheinandergewirbelt. Ist so eine Auszeichnung in diesen ungewöhnlichen Zeiten eine willkommene Motivationsspritze?

Kandra: Solche Bilder wecken vor allem schöne Erinnerungen. Ich denke sehr gerne an das Turnier in San Francisco zurück. Die Netsuite Open waren ein besonderes Turnier für mich. Im Achtelfinale habe ich ja zum ersten Mal gegen Simon Rösner gewinnen können. Das sind schöne und motivierende Momente. Wenn man die sieht, möchte man am liebsten sofort wieder raus auf die Tour und spielen. Aber leider sind uns ja noch die Hände gebunden. Wir können derzeit nur trainieren und alles dafür tun, um auf den Tag, an dem der Lockdown vorbei ist, bestmöglich vorbereitet zu sein.

Wie gut wären Sie vorbereitet, wenn es jetzt kurzfristig wieder losginge?

Kandra: Seit wir wieder auf die Anlage dürfen, trainieren wir sehr fleißig, aber auch vorher haben wir sehr viel gemacht. Als ich noch nicht wieder Squash spielen durfte, bin ich viel gelaufen und viel Fahrrad gefahren. Ich fühle mich körperlich derzeit so fit wie wohl noch nie. Jetzt geht es darum, diese Physis auf den Court zu transferieren und wenn das gelingt, sehe ich gute Möglichkeiten, für den Tag der Tage optimal gewappnet zu sein. Wobei man aufpassen muss, nicht zu viel zu machen, nicht übertrainiert zu sein. Ich muss nicht jetzt den Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit erreichen, sondern dann, wenn es wieder losgeht. Das heißt, dass man sehr intelligent trainieren und auch mal die eine oder andere Einheit etwas ruhiger angehen muss.

Wie normal fühlt sich Ihr Leben derzeit an?

Kandra: Schon fast zu normal. (lacht) Für einen Profi, der eigentlich das ganze Jahr um die Welt reist, gibt es nichts Besseres, als so viel Zeit mit der Familie verbringen zu können. Ich habe mich schon sehr daran gewöhnt, aber andererseits ist es natürlich auch so, dass uns jetzt ein bisschen Geld fehlt. In der kommenden Woche steht unser großer Umzug von unserer Wohnung in Elsen in unser neues Haus in Delbrück an und ein paar Investitionen, die wir in diesem Zusammenhang geplant hatten, mussten wir verschieben. Aber ich möchte nicht jammern. Es geht doch allen so. Das sind schwierige Zeiten, die es so noch nie zuvor gegeben hat, aber wenn sich darauf einstellt und das Positive sieht, kommt man da durch. Mir fehlt einerseits das Reisen, aber andererseits graut es mir schon davor, meine Familie wieder für lange Zeit zu verlassen.

Das Fehlen welcher Einnahmen schmerzt am meisten – Sponsorengelder, Preisgelder?

Kandra: Mit den wenigen Sponsoren, die ich habe, habe ich großes Glück. Die sind mir alle treu geblieben. Es gab zwar ein, zwei Kürzungen, aber die sind für mich zu 100 Prozent nachvollziehbar. Fehlende Ligaspiele, Preisgelder und Showkämpfe sorgen dafür, dass weniger in die Kasse kommt. Aber da ich immer noch Sportsoldat bin, sollte ich einer der letzten sein, die sich darüber beschweren. Extrem lobenswert finde ich zudem, dass mich auch der PSC weiterhin unterstützt – das ist einmal mehr eine absolut vertrauensfördernde Maßnahme des Vereins.

Auf welche Ziele trainieren Sie hin? Konkrete Pläne für einen Re-Start der PSA-Tour gibt es offensichtlich noch nicht.

Kandra: Ganz ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass es vor Ende November oder Anfang Dezember wieder um Ranglistenpunkte und Preisgeld geht. Alles andere erscheint mir unrealistisch.

Die Endrunde um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft, die ursprünglich Mitte Mai hätte ausgetragen werden sollen, findet vielleicht erst im Januar statt.

Kandra: Gehört habe ich das auch. Wenn man meint, bis dahin warten zu müssen, ist das okay. Die Gremien, die das entscheiden, befinden sich natürlich in einem Zwiespalt. Zum einen tragen sie die Verantwortung dafür, für die nötige Sicherheit zu sorgen, zum anderen wollen auch sie, dass in absehbarer Zeit wieder um Titel gespielt wird. Das möchte ich nicht entscheiden müssen. Es gibt wohl auch die Idee, die Endrunde ohne ausländische Spieler auszutragen – ob das fair ist, wenn wir Paderborner mit Simon Rösner und mir antreten können, sei mal dahingestellt. Ich bin aber sehr gespannt, was wann passiert.

Wenn es irgendwann weitergeht, dann nehmen Sie welche persönlichen Vorgaben ins Visier?

Kandra: Ich werde zunächst alles dafür tun, um verletzungsfrei zu bleiben. Gelingt mir das, möchte ich mich vom aktuell 31. Platz wieder in die Top25 der Weltrangliste vorarbeiten. Dauerhaft sind die Top20 mein Ziel und ich bin überzeugt davon, dass ich da wieder hinkommen kann. Ich fühle mich gut, ich spiele gut. Simon und ich trainieren gerade auf dem höchsten Niveau und wenn wir das mit in die Saison nehmen, sehe ich gute Aussichten, dass wir bald wieder unser bisheriges Career High angreifen können. (Simon Rösner ist derzeit Achter und war im Dezember 2018 erstmals die Nummer 3 der Welt, Kandras beste Platzierung war – zum ersten Mal im Mai 2019 – der 13. Platz, Anmerkung der Redaktion)

Quelle: Westfalen-Blatt, Elmar Neumann